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05.05.2022 - Rede des Oberbürgermeisters der Residenzstadt Gotha und Vorstandsvorsitzenden der Kulturstiftung Gotha zur Verleihung des Preises "Der Friedenstein" an Frau Anne Burghardt

Anne Burghardt mit dem Friedenstein, Foto: Lutz Ebhardt

Anne Burghardt mit dem Friedenstein, Foto: Lutz Ebhardt

am 5. Mai 2022 in der Schlosskirche des Schlosses Friedenstein in Gotha

- Es gilt das gesprochene Wort –

Hochverehrte Festgesellschaft,

es gibt große Losungen zum Frieden, die wir alle kennen, die da heißen:

"Frieden schaffen ohne Waffen" oder
"Schwerter zu Pflugscharen", auch ist zu erwähnen
"Die Waffen nieder" von Bertha von Suttner, aber, für mich gilt
"Friede ernähret, Unfriede verzehret".

Man kann seine Sicht drehen, wie man will und egal, wie man Vergangenheit oder Zukunft betrachtet:

Nichts geht ohne Frieden! Und alles ist ohne Frieden nichts.

Ganz in diesem Sinne begrüße ich Sie alle ganz herzlich in der Hofkirche von Schloss Friedenstein zu Gotha, um dabei zu sein, wenn wir zum zehnten Male den großen Preis unserer Stadt und der Kulturstiftung Gotha mit dem Namen, der FRIEDENSTEIN verleihen.

Kein Karlspreis in Aachen, kein Nobelpreis in Stockholm, kein Deutscher Nationalpreis in Berlin, hat solch eine Wucht im Namen und bringt mit einem Wort zum Ausdruck, um was es uns seit fast vierhundert Jahren geht – um den Frieden.

Hochverehrte Frau Burghardt,

wir begrüßen Sie sehr herzlich in Gotha, der Stadt, die als "Gedächtnis der Reformation" anerkannt und als "Rüstkammer des evangelischen Glaubens" in der Welt gilt. Nirgendwo ist so wie in Gotha zusammengetragen worden, was Luthers Werk für die Welt bedeutet.

Es war der Enkel des Schlosserbauers, der in der Bibliothek seines Großvaters Ernst des Frommen, die meisten Autographen und die schönsten Tischreden Luthers, prächtige Bibeln und Gesangsbücher sowie den Schriftverkehr mit seinen Zeitgenossen und die erste Übersetzung der Bibel ins Deutsche zusammentrug.

Die Ausstellung "Bücher bewegen", zum 375-jährigen Bestehen der Ernestiner Bibliothek Gotha, legt von dieser enormen Sammlungslust Zeugnis ab. Und an dieser Stelle darf ich einfügen, dass vor 100 Jahren der erste Direktor dieser Bibliothek in der Weimarer Republik, der in Tartu geborene Schriftsteller und Demokrat Hermann Anders Krüger gewesen ist.

Wir freuen uns, sehr geehrter Herr Landesbischof Kramer, dass sie heute bei uns sind, um hier am Ort der Hofkirche, der gern als die erste Version einer barocken protestantischen Schlosskirche in der Welt bezeichnet wird, einen Gruß an die Preisträgerin auszubringen.

Wie tief der Glauben in Gotha verankert ist, kann an einem baulichen Zeichen, einer Tür und ihrem Sandsteingewände, sehr gut verdeutlicht werden.

Lange bevor dieses Schloss erbaut worden ist, stand hier eine alte Festung mit dem furchterregenden Namen Grimmenstein, die dem Sohn des letzten ernestinischen Kurfürsten, Herzog Johann Friedrich II. von Sachsen als Residenz diente. Er strebte nach dem Verlust der Kurwürde und der Niederlage im Schmalkaldischen Krieg in der Schlacht von Mühlberg erneut nach kurfürstlichen Würden und ließ in wenigen Jahren ab der Mitte des 16. Jahrhunderts die alte Festung der Thüringer Landgrafen zu einem Schloss umbauen.

Da er seine Kirche im Schloss Hartenfels in Torgau verloren hatte, ließ er vom gleichen Baumeister, dem Gothaer Nickel Gromann auch in Gotha eine neue Kirche erbauen, eben den zweiten protestantischen Kirchenneubau der Welt.

Doch Johann Friedrich wollte mehr, deshalb brach er den Ewigen Landfrieden, den Kaiser und Heiliges Römisches Reich deutscher Nation ausgerufen hatten. Frieden wiederherzustellen, gelang im Jahr 1567 nur durch Krieg, denn der neue Kurfürst belagerte die Stadt, die für seine Truppen uneinnehmbar blieb.

Erst das Handeln der Menschen in Gotha, die Festnahme und Auslieferung der Übeltäter und die Öffnung der Stadttore, ermöglichte dem kaiserlichen Heer die Stadt einzunehmen. Herzog und Ritter Grumbach konnten festgesetzt werden, um sie in einem öffentlichen Gerichtsverfahren auf dem Marktplatz ihrer Strafe, der Hinrichtung, zuzuführen.

Gotha lehrt die Nachwelt:

Hier verloren ein Regierungschef, nämlich Kanzler Brück und der militärische Befehlshaber, nämlich Wilhelm von Grumbach, ihr Leben, weil sie einen Krieg gegen die Menschheit begannen.

Das der Ewige Landfrieden nie gebrochen werden darf, machten die Sieger deutlich, in dem sie das Schloss Grimmenstein schleiften und dem Erdboden gleichmachten.

Nur das Portal der Kirche konnte von den Gothaer Bürgern geborgen werden und wurde 80 Jahre später beim Neubau des Schlosses Friedenstein als Geschenk der Bürgerschaft dem neuen Regenten übergeben. Für ihn war dies ein Zeichen des Himmels und er gab seinem Schlossneubau den verpflichtenden Namen: Friedenstein. Tor und Portal sind heute der Haupteingang in diese Kirche.

Die Stadt und ihre Bürger bewahrten Gotha vor totaler Zerstörung, wie es am Ende des II. Weltkrieges der österreichische Offizier Josef Ritter von Gadolla allein tat.

Gotha zu retten und dem Neuanfang eine Türe aufzustoßen, dieses Handeln Gothaer Bürger ist für mich noch heute vorbildlich, ja beispielgebend, und ich wünschte mir, dass auch im 21. Jahrhundert, nicht die Macht der Medien, sondern die Macht der Menschen, den Frieden nach Europa zurückbringen.

Welt, handele wie die Menschen in Gotha, dann gilt überall "Friede ernähret. Unfriede verzehret"

Verehrte Festgesellschaft,

Gotha gedenkt im Jahr 2022 eines Mannes, der als Mönch in der Marienkirche am Schlossberg seinen Glauben fand und sich früh vom alten Geist abwandte. Er hörte Martin Luther, der 1515 in Gotha die erste christliche Funktion seines Lebens übernahm und sozusagen seine Kirchenkarriere begann.

Er begegnete fast täglich dem Humanisten Mutianus Rufus, der in Gotha forschte und lehrte und im Briefwechsel mit Erasmus und Reuchlin ein humanistisches Zentrum führte.

An der Augustinerkirche war für Johannes Langenhan kein Platz, deshalb sorgte sein Vater, ein angesehener Ratsherr der Stadt, für eine Anstellung seines Sohnes an der städtischen Margarethenkirche und so wurde 1522 in Gotha die von jenem Langenhan erste Predigt im Geiste Luthers gehalten – die Reformation begann.

Das ist für unsere Stadt ein Meilenstein, denn Martin Luthers Freund Friedrich Myconius, den der Reformator selbst als "Bischof Thüringens" bezeichnete, kam erst durch Erlass des Kurfürsten im Jahr 1524 nach Gotha.

Somit kam der protestantische Glauben durch das Handeln der Bürger und nicht durch landesherrlichen Erlass nach Gotha, das ist wohl weltweit einmalig und sollte gerade heute noch einmal besonders herausgestellt werden.

Hochverehrte Preisträgerin,

500 Jahre Reformation in Gotha, sind auch 75 Jahre Lutherischer Weltbund, den Sie als erste Generalsekretärin vertreten dürfen und der 75 Millionen Menschen weltweit vertritt. Vorgänger des Lutherischen Weltbundes ist der Lutherische Weltkonvent, der vor 99 Jahren nur 30 Kilometer entfernt von Gotha, in Eisenach gegründet worden ist. Heute in einer Zeit, wo vor wenigen Tagen die Medien meldeten, das erstmals in der deutschen Geschichte weniger als fünfzig Prozent aller Deutschen der evangelischen oder der katholischen Kirche angehören, ist es zeitgemäß, dass wir einen Menschen ehren, der fest verwurzelt ist in der lutherischen Weltanschauung und der bereit ist, eine 500-jährige Bestimmung in die Zukunft zu führen.

Wir ehren mit dem "FRIEDENSTEIN 2022" den Mut der Preisträgerin

-    sich in einer immer noch männlich dominierten Kirche zur Wahl zu stellen und ein Amt zu erlangen, was bisher keine Frau führte,
-    wir ehren ihre Internationalität, geboren in der Zeit des Kommunismus in der Sozialistischen Republik Estland, aufgewachsen in der Jugend der Freiheit in der neugeschaffenen Republik Estland, danach Studium in Deutschland und Estland und berufstätig in Europa und der Welt;
-    wir wollen ein Zeichen setzen für Estland, das heute mehr denn je das Friedensschild Europas benötigt, um sich gegen den Druck seines russischen Nachbarn zu schützen und
-    wir wollen die Leistung wertschätzen, die Männer und Frauen seit 75 Jahren im Namen des Lutherischen Weltbundes weltweit vollbringen.

Wenn wir heute Frau Burghardt mit dem FRIEDENSTEIN ehren, dann tun wir dies in einer Zeit, wo Gotha genau so weit entfernt ist von Tallin, wie Tallin von Odessa, wo ein furchtbarer Krieg tobt, wo Weltkultur in Schutt und Asche geht, aber auch Glaube verlischt.

Gothas erster Regent Herzog Ernst der I. von Sachsen-Gotha-Altenburg hat von Zeitgenossen nicht ohne Grund den Namen "der Fromme" bekommen, weil er sich Zeit seines Lebens dem Frieden verpflichtet fühlte.

Seine Gesetzeswerke, so sein erster Bibeldruck, dienten der Volksaufklärung und Bildung seiner Landeskinder. Die erste Schulpflicht in Deutschland, die Einführung der Naturwissenschaften im Unterricht, der Beginn der Lehrerausbildung und der Erwachsenenfortbildung sind Zeugnisse seines fortschrittlichen Wirkens, denn er wusste, für den gebildeten Menschen, ist Krieg ein Fremdwort.

Früh schon hatte Gotha und seine Menschen enge Kontakte ins Baltikum, so spielte an diesem Ort der Musiker Johann Valentin Meder, bevor er nach Tallin ging, wo er als Kantor am Gymnasium wirkte und seine einzige Oper schrieb.

Der Absolvent des Gothaer Gymnasiums Ernestinum Carl Christian Friedrich Rein ging als Lehrer ans Gustav-Adolf-Gymnasium in Tallin und wurde 1834 Generalsuperintendent für ganz Estland, sozusagen Landesbischof. Und in der Kirche von Hargla, einem Dorf in der Landgemeinde Valga, ist das Bild "Kreuzabnahme Jesu" des Gothaer Hofmalers Paul Emil Jacobs zu bewundern.

Nicht zu vergessen in dieser Reihe von Persönlichkeiten sei der "Vater der estnischen Rechtsgeschichte" Friedrich Georg von Bunge der am Ende des 19.Jahrhunderts seinen Lebensabend in Gotha verbrachte und vielleicht, liebe Frau Burghardt, haben sie im einzigen Straßenbahnnetz von Estland auch schon historische Straßenbahnen gesehen, denn Gotha lieferte Mitte des 20.Jahrhunderts viele Gotha-Bahnen und Gotha-Wagen in die estnische Hauptstadt.

Werte Frau Burghardt,

wir sind stolz, dass wir Sie in eine Reihe herausragender Persönlichkeiten stellen dürfen, die seit 1998 mit dem Preis "Der FRIEDENSTEIN" geehrt worden sind.

Wir haben schon 1998 mit der ersten Verleihung an Wei Jing Scheng auf die Defizite in der Demokratie Chinas hingewiesen, wir haben zwei Jahre später mit Kurt Masur den Deutschen für den Mut gedankt, auf die Straße zu gehen und Veränderungen herbei zu führen.

"Der FRIEDENSTEIN" für die erste Frau im Weltall, war eine Wertschätzung für diese wissenschaftlich-technische Leistung einer Frau, nicht für die Politik.

Den Deutschen Botschafter in Prag von 1989 Hermann Huber zu ehren, war 2010 die erste Wertschätzung, die dieser Mann für sein Handeln erfahren hat.

Auch nach der Ehrung für Karl-Heinz und Almaz Böhm hat der Hunger in Äthiopien nicht aufgehört und jetzt kommt in diesem Land auch noch ein verheerender Krieg dazu, der unsere Partnerstadt ADUA schwer bedroht.

Königin Silvia von Schweden war 2014 unsere Preisträgerin, ihr Einsatz für benachteiligte Kinder ist heute noch genauso aktuell wie damals.

"Über sieben Brücken musst du gehn" war zum ersten Male die Ehrung für ein Lied, das die Deutschen in den Zeiten des kalten Krieges zusammenhielt. Texter, Komponist und erste Interpreten waren tolle Preisträger.

Bertha von Suttner, Josef Ritter von Gadolla und Bundespräsident Heinz Fischer sind die drei Österreicher, die in Gotha besondere Verehrung genießen, doch nur Heinz Fischer war es vergönnt, mit dem "FRIEDENSTEIN" für sein weltweites Friedenswirken geehrt zu werden.

Und als Alexander Kluge, der weltweit Geschätzte, in Gotha zur Schule eingeführte Philosoph, Buchautor und Filmemacher den Friedenstein in Händen hielt, entfaltete sich bildgewaltig der großartige Geist dieses Preises.

Die zehnte Preisträgerin ist die erste Baltin, die erste Lettin, die erste Theologin, die mit dem "FRIEDENSTEIN" zu Gotha geehrt wird.

Herzog Ernst der Fromme hätte seine Freude an dieser Auszeichnung, genauso wie wir Gothschen von heute, denn unsere heutige Ehrung ist eine Friedensbrücke ins Baltikum, sie ist eine Freundschaftsbrücke nach Estland, ein Brückenbau zwischen Europas Mitte und dem Osten, eine Brücke aus den Steinen die dem Frieden in den Weg gelegt werden und die verdiente Würdigung des Lebenswerkes einer ungewöhnlich erfolgreichen jungen Frau.

Herzlichen Glückwunsch!