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01.03.2017 - "Dr. Edgar- und Ingrid Jannott-Stipendium" ausgelobt

Erforschung der Geschichte der Musikerfamilie Bach und der Interpretation der Musik Bachs als Forschungsgebiet

Wenn sich die Stadt Gotha in den nächsten Jahren gemeinsam mit Ohrdruf auf das Internationale Bachfest 2021 vorbereiten will, dann haben nicht nur die Mitarbeiter der KulTourStadt Gotha GmbH zusammen mit dem Vorstand der Neuen Bachgesellschaft viel zu tun. Es sind dann nicht nur alle Veranstaltungen organisatorisch vorzubereiten, sondern die Historiker sollten sich verstärkt die Frage stellen: Was verbindet Gotha und die Musikerfamilie Bach? Zu vermuten ist, dass es mehr sein wird, als bisher bekannt und leider wie so oft, sind auch diese Facetten der Stadtgeschichte unerforscht.

Gothas Ehrenbürger Dr. Edgar Jannott und seine Frau Ingrid haben vor Jahren der Kulturstiftung Gotha ein Kapital gestiftet, aus dessen Erträgen ein Stipendium zur Erforschung der Stadtgeschichte vergeben werden kann. Mit bis zu 3.000€/Jahr kann so ein Projekt angeschoben werden. Die Stiftung bittet deshalb Historiker um ihre Bewerbung bis zum 31. März 2017, wer sich diesem Thema in den nächsten ein- bis zwei Jahren widmen möchte.

Was ist zu diesem Thema bisher bekannt?

Johann Sebastian Bach verfasste 1735 einen "Ursprung der musicalisch-Bachischen Familie". Er beginnt mit Nummer 1 Veit Bach in Wechmar und sagt über Nummer 2 "Johannes Bach, des vorigen Sohn, hat anfänglich die Bäckersprofession ergriffen. Weil er aber eine sonderliche Zuneigung zur Musik gehabt, so hat ihn der Stadtpfeifer zu Gotha zu sich in die Lehre genommen...".

Damit gibt Johann Sebastian Bach die Ausbildung des ersten Musikers seiner Familie in die Hände eines Stadtpfeifers, eines Angestellten der Stadt Gotha. Was er nicht erwähnt, ist die Tatsache, dass im Geburtenbuch von Sankt Margarethen 1617 sich folgender Eintrag findet: "Den 20. Februariy eine Tochter, Caspar Bachen auf den Kaufhause. Die Gevatterin war Nicol Brodtkorb, des Becken Weib. Das Kind heißt Maria."

Im Einwohnerverzeichnis der Stadt Gotha aus dem Jahre 1597 wohnt Catharina Bachin, die Ehefrau des Caspar Bach an Johann Schubarts Ecken. Caspar Bach wird 1620 als Musikant nach Arnstadt berufen. Im Jahr 2000 findet Knut Kreuch im Erbbuch der Grafschaft Gleichen von 1610 im Thüringer Landesarchiv, Staatsarchiv Gotha (PP III.1b) folgenden Eintrag "Hans Bach zahlt Zins auf Äcker an der wasserleithen, die ihm vion seinem Bruder Caspar verehret...". Damit liegt der erste urkundliche Beleg der Bruderschaft von Hans und Caspar Bach vor.

Geht man von den Anfängen der Bachfamilie weiter ins 17. Jahrhundert, so finden wir den "Rühler Bach", Jacob Bach (1655-1718) von 1671-73 als Schüler auf dem Gymnasium, sein Sohn, der berühmte "Meininger Bach", Johann Ludwig Bach (1677-1731), ist von 1688-93 Schüler in der Lateinschule Gotha und auch dessen Sohn Johann Georg Bach (1705-1786) besucht 1724 das Gymnasium. Im Jahr 1760 heiratet der Gothaer Violinist und Kammermusikant Johann Valentin Scherlitz (1729-1793) die aus der Ohrdrufer Bachlinie stammende Christina Maria Elisabeth Bach (1736-1784). Sie leben in Gotha, hier werden ihre Kinder geboren, er ist später Hoforganist, Konrek-tor und Musikdirektor in Gotha.

In neuesten Forschungen wurden in den letzten Jahren immer wieder die Gotha-Aufenthalte Johann Sebastian Bachs im Jahr 1711 und die Aufführung seiner ersten Passionsmusik am Karfreitag 1717 untersucht. Die Bach-Quellen der Forschungs- und Landesbibliothek Gotha, etwa 130 Musikhandschriften sind von Ulrich Leisinger 1993 publiziert worden.

Immer noch in den ersten Stufen der Forschung steckt die Beziehung des in seiner Zeit berühmten Gothaer Kapellmeisters Gottfried Heinrich Stölzel (1690-1749) zu Johann Sebastian Bach. Stölzels Passionsoratorium "Ein Lämmlein geht und trägt die Schuld", das 1720 in Gotha entstand, erklang am 23. April 1734 unter der Leitung von Johann Sebastian Bach in der Leipziger Thomaskirche. Die Arie "Dein Kreuz, o Bräutigam meiner Seelen" aus diesem Oratorium wurde von Bach um 1740 zu der Arie "Bekennen will ich seinen Namen" (BWV 200) in einem tiefgreifenden Bearbeitungsprozess umgeformt. Stölzels Kantatenjahrgang "Das Saitenspiel des Herzens" wurde 1735/36 von Johann Sebastian Bach in Leipzig aufgeführt. Das wohl bekannteste Werk Stölzels ist die Arie "Bist du bei mir", die lange Johann Sebastian Bach zugeschrieben wurde (BWV 508), da sie ohne Komponistenangabe im Notenbüchlein für Anna Magdalena Bach von 1725 enthalten ist. Prof. Christian Ahrens konnte im Bach-Jahrbuch 2007 "Neue Quellen zu Johann Sebastian Bachs Beziehungen nach Gotha" nachweisen, das Bachs Werke meist bereits kurz nach Erstaufführung und Druck durch Stölzel für den Gothaer Hof erworben worden sind.

Stölzels Nachfolger als Kapellmeister in Gotha, Georg Anton Benda (1722-1795), stand in Kontakt zu Johann Sebastian Bachs berühmten Sohn Carl Phillip Emanuel Bach (1704-1788), der sogar am 2. Juli 1754 in Gotha gastierte.

Eine ebenfalls bisher unerforschte Seite der Gothaer Bachgeschichte ist die Tatsache, dass 1729 Georg Balthasar Schott (1686-1736) zum Stadtkantor in Gotha berufen worden ist, ein Amt, das bereits 1692-95 Johann Pachelbel (1653-1706) begleitete. Schott war 1720 Musikdirektor an der Neuen Kirche zu Leipzig und Leiter des Telemannschen Collegium Musicum. 1723 ist Johann Sebastian Bach als Thomaskantor sein Leipziger Kollege geworden. Beim Weggang nach Gotha übergab Schott sein mittlerweile berühmtes Collegium Musicum an Johann Sebastian Bach.

Selbst Johann Sebastian Bachs erster Biograf Johann Nikolaus Forkel (1749-1818), der im Jahr 1802 seine Schrift "Ueber Johann Sebastian Bachs Leben, Kunst und Kunstwerke" veröffentlichte, hatte Beziehungen nach Gotha. In der Stadt erschienen 1778/79 sein drei Bände der "Musikalisch-Kritischen Bibliothek", die seinen Anspruch untermauern, der Begründer der historischen Musikwissenschaft zu sein.

Die Interpretation Bach`scher Werke hat demzufolge in Gotha eine lange Tradition, beginnend mit der 1651 gegründeten Hofkapelle, der heutigen Thüringen Philharmonie Gotha, die immer wieder mit der Aufführung Bachscher Werke glänzt, so dem schon traditionellen "Weihnachtsoratorium". Unterstützt wird sie hierbei von einem Chor, der seit 1953 einen verpflichtenden Namen trägt, denn seit diesem Jahr singen Frauen und Männer im Bachchor Gotha. Dieser Chor blickt auf eine lange Tradition. Sein Vorläufer, die Gothaer Liedertafel, wurde 1831 gegründet, doch die Chorbewegung hat ihre Ursprünge im Jahr 1819.

Der Name Bach ist untrennbar verbunden mit der Leipziger Thomaskirche, den dortigen Kantoren und dem berühmten Thomanerchor. Nicht erst seit Johann Sebastian Bach gehen Kontakte von Gotha an das berühmte Gotteshaus. Dem ersten Gothaer Hofkapellmeister Wolfgang Carl Briegel (1626-1712) bescheinigte der Leipziger Thomaskantor Sebastian Knüpfer (1633-1676), dass er "wol mit recht eine musicalische Universität" sei. Der 1714 erstmalig am Gothaer Hof gastierende Komponist Johann Friedrich Fasch (1688-1758) wird 1722 vom Gothaer Hofkapellmeister Gottfried Heinrich Stölzel als Hofkapellmeister nach Zerbst vermittelt. Für diese Anstellung schlägt Fasch die Berufung als Thomaskantor in Leipzig aus, die dann Johann Sebastian Bach übertragen wird. Einer der talentiertesten Schüler Johann Sebastian Bachs, der Organist und Komponist Johann Ludwig Krebs (1713-1780), wird im Jahr 1756 für sieben Tage nach Gotha einbestellt und muss hier die Orgelprüfung vor dem Hofkapellmeister Georg Anton Benda ablegen, um danach die Organisten-Anstellung in Altenburg zu erhalten. Übrigens entdeckte Daniel Gerth am 30. Juli 2012 in Akten der Universitäts- und Forschungsbibliothek Gotha den zweitältesten Lehrplan der Thomasschule Leipzig, der für alle Thomaner galt.

Auch die Thomaskantoren Johann Adam Hiller (1728-1804) oder Johann Gottfried Schicht (1753-1823) standen im Kontakt zur Gothaer Hofmusik. Nicht zu vergessen, der erste Vorsitzende der Bachgesellschaft Thomaskantor Moritz Hauptmann (1792-1868), der in Gotha bei Louis Spohr das Violinspiel erlernte.

An das Wirken der Bachfamilie in Gotha erinnert seit 14. März 2008 eine Gedenktafel am Turm des Rathauses, die auf Initiative des Schweinfurter Bachforschers Kurt H. Frickel (1940-2011) von der Stadt Gotha gestiftet worden ist.

Mit dem "Dr. Edgar und Ingrid Jannott-Stipendium" besteht nun die Chance innerhalb der nächsten zwei Jahre einem Historiker die Chance zur Schließung einer Lücke der Gothaer Stadtgeschichtsschreibung zu geben.

Bewerbungen bitte mit Lebenslauf und dem Nachwies bisherigen Forschungsarbeiten an Kulturstiftung Gotha z. H. Oberbürgermeister Knut Kreuch, Hauptmarkt 1, 99867 Gotha oder per mail an: kulturstiftung@gotha.de.